DAME: „Rap ist sein Hobby“

Ja, es gibt tatsächlich solche Alben, die so gar nicht in die eigene Musiksammlung passen. Zu genrefremd sind diese im eigentlichen Sinn, aber doch gelingt es ihnen, sich nicht nur Gehör, sondern auch einen eigenen Platz in der umfangreichen CD/LP-Kollektion zu verschaffen. Beispiele gefällig? „Licensed to Ill“, „Whitey Ford Sings The Blues“ oder eben auch „Rap ist sein Hobby“ vom österreichischen Rapper DAME.

Man merkt sofort, dass dieser MC über ein beeindruckendes Songwriting verfügt und es nicht nötig hat, ausgetrampelte Bad-Boy-Pfade zu beschreiten. Es wäre auch ein Einfaches, sich immer an den ewig gleichen Homie- und Dissen-Lyrics festzuklammern, um einem gewissen Bling-Bling-Image zu entsprechen, das schon längst überinflationär den Markt beherrscht und einfach nur mehr eines hervorruft: gähnende Langeweile.

Mit dem dritten Longplayer stellt der Salzburger DAME jenes Können unter Beweis, welches bereits bei den Vorgänger-Releases deutlich spürbar war: ein immer besseres und ausgereifteres Songwriting. „Thronfolger 3 (Intro)“ eröffnet das neue Werk mit selbstbewusster Koketterie und man läuft ganz kurz Gefahr, den Sänger in die hoffnungslos überfüllte HipHop-Schublade zu pressen, doch dann ertönen folgende Zeilen: „Das ist kein normaler Rap, nein, das ist Musik, sie hören die Stimme, hören die Rhymes und sie nicken zum Beat. Kein normaler Rap, nein, das ist Musik, in Deinen Ohren, Du hebst die Hände einfach, weil Du es liebst.“ Und exakt in dieser Wort-Art geht es in „Tapetenwechsel“ weiter: „Es wird Zeit, dass wir die Segel setzen, Zeit für ’ne Veränderung. Zeit für ’nen Tapetenwechsel, wir färben die Wände bunt“, heißt da die Ansage an alle jene Sprechgesangkollegen, die es nicht müde sind, noch immer mit öden und einfallslosen Hasstiraden Aufmerksamkeit erhaschen zu wollen. Dass dabei die eigentliche Message auf der Strecke bleibt, ist die logische Konsequenz. Aber dies dürfte den Protagonisten des 08/15-Stils ziemlich egal sein. Hauptsache das coole Outfit passt.

Und genau auf diese vorgefertigte HipHop-Schiene springt DAME nie auf, ganz im Gegenteil: Er ignoriert sie nicht einmal. Auch wenn er sich als „Verkanntes Genie“ sieht, ist irgendwie nachvollziehbar bzw. es beeindruckt schlichtweg, wie der junge Mozartstädter diverse Klischees verarbeitet, dass man das imaginäre HipHop-Cap ziehen muss. „Solange Du atmest“ ist von solchem Kaliber: Hier treffen Rap-Elemente auf einen Refrain, der die musikalische Raffinesse des Musikers offenbart. In „Firesale“ beweist der Rapper, dass er seine Texte auch in einem im wahrsten Sinne des Wortes atemraubenden Tempo vortragen kann. Und spätestens mit dem Title-Track wird klar, dass sich DAME von den üblichen Verdächtigen mühelos abhebt: „Nehm’ ich die Feder in die Hand, wachsen mir Flügel und ich flieg’. Es regnet Sätze auf das Blatt und plötzlich fühl’ ich die Magie“. Wieder ein Refrain, der sich unweigerlich ins Gehör festsetzt. Und wer glaubt, dass DAME damit seine Munition verschossen hat, der irrt gewaltig. „Sommer im Gemeindebau“ hat das absolute Potential zur Hymne der heißen Jahreszeit zu werden. Und mit „So wie Du bist“ hievt sich DAME endgültig auf die höchste Stufe des deutschsprachigen HipHops. Aber nicht nur in diesem Bereich, denn wenn die Zeilen „Du bist einzigartig so wie Du bist. Und die anderen sind es nicht. Deine Zeit, ja, sie kommt gewiss“ ertönen, dann werden spätestens jetzt auch jene Radiohörer hellhörig, die noch immer glauben, dass Unheilig das Copyright auf herzergreifende Musik inne hat.

Den nicht gerade unpretiösen Abschluss bildet „Die Krönung (Outro)“, in dem sich DAME die Rap-Krone aufsetzt: „DAME – ich bin euer König und das ist hier die Krönung“. Obwohl auch hier natürlich ein gewisses Klischee bedient wird, ist es nicht nervtötend. Warum? Weil Authentizität und Glaubhaftigkeit in jeder Sekunde spürbar sind. Und um dies zu schaffen, bedarf es einer stetigen Weiterentwicklung, die bei DAME über die letzten Jahre beeindruckend nachvollziehbar ist.

Fazit: Mit „Rap ist sein Hobby“ unterstreicht DAME sein unüberhörbares Talent nicht nur, er hat es verbessert, weiterentwickelt und auf ein vorläufiges Niveau gehoben, das weit über die Grenzen des Sprechgesangs hinausgeht. Dieses Album ist definitiv nicht nur für HipHop-Fans ein Ohrenschmaus. Auch Liebhaber von sinnreichen Texten, die eigentlich mit dem Genre nichts am Hut haben und sich eher im Pop-Bereich wohl fühlen, werden hier aufhorchen und aus dem Staunen nicht so schnell herauskommen.

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WOVENHAND: „Refractory Obdurate“

WOVENHAND:
„Refractory Obdurate“
(Release: 25/04/2014)

Den eingeschlagenen Weg in Richtung „Loud & Heavy“ geht David Eugene Edwards mit seiner Formation Wovenhand auf dem neuen Album „Refractory Obdurate“ unbeirrt weiter.

Es gibt Musiker und Künstler, die ihr fest abgegrenztes Gebiet bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag beackern und sich so über Jahre hinweg zu treu bleiben. Diese Gattung geht somit lieber den risikolosen Weg, um die eigene Fanschar nicht zu verärgern oder gar vor den Kopf zu stoßen. Dann gibt es wiederum jene, die vor Brüchen, Zäsuren und Neuerungen nicht zurückschrecken und sich auf diese Art und Weise immer neu erfinden, um nicht in einer künstlerischen Sackgasse zu landen. David Eugene Edwards von Wovenhand hat mit seinem letzten Album „The Laughing Stalk“ das bereits bewiesen und führt auf „Refractory Obdurate“ diese Reise weiter fort. Neben seinem langjährigen Weggefährten Ordy Garrison (Drums und Percussion) unterstützt mit Chuck Edward French (Gitarre) und Neil Keener (Bass) ein eingespieltes Team von der Denver Formation Git Some den ehemaligen 16-Horsepower-Frontmann bei dieser spirituellen und musikalischen Weiterentwicklung.

Corsicana Clip“ eröffnet das Album so, wie man es sich von einem Wovenhand-Album eigentlich erwartet: Eine eingängige Banjola-Melodie samt treibenden Rhythmus geben David Eugene Edwards’ Gesang noch mehr Dringlichkeit, bevor sich der Song schließlich immer mehr in ein Klangdonnerwetter verwandelt. „Masonic Youth“ trifft einen mit hypnotischen Drums und satten Riffs, um kurz vor dem Ende einem Keulenschlag gleich in Punkrock-Gefilde komplett wegzudriften. So brachial und eiskalt wurde man bislang noch nie aus einem sogartigen Wovenhand-Sound herausgerissen. Das hymnisch anmutende „The Refractory“ lässt dann Bilder im Kopf entstehen, die sich beim Hören eines Albums der Band aus Colorado so gut wie immer aufdrängen. Mit „Good Shepherd“ folgt dann jenes Stück, das bereits auf der letzten Tour präsentiert wurde. Gleich im Anschluss an das bereits heftige „As Wool“ vom Stapel gelassen, überrascht der Track jetzt mit noch messerschärferen Riffs, und unterstreicht den musikalischen Richtungswechsel mit metallenem Nachdruck.

Salome“ steigert sich in bester Wovenhand-Tradition, bevor Edwards für „King David“ wieder zur Banjola greift. Anschließend kommt das dräuende „Field of Hedon“ mit einem solchen Druck, wie man es bei dem Quartett bislang nur von den Live-Auftritten kennt. „Obdurate Obscura“ überzeugt mit einer einzigartigen und atmosphärische Sound-Struktur, die dann mit „Hiss“ dem Erdboden regelrecht gleich gemacht wird. Und hier lässt es sich zweifelsohne erahnen, dass die kommenden Wovenhand-Konzerte an Heavyness noch mehr dazugewinnen werden. „El-Bow“ beschließt „Refractory Obdurate“ auf eine ganz eigene und besondere Art und Weise, die gleichermaßen gespenstisch, atmosphärisch und hypnotisch anmutend den Hörer zurücklässt.

Langjährige Fans könnten auf diesem Werk eine gewisse Zugänglichkeit vermissen, denn im Vergleich zu den doch meist ruhiger gehaltenen Vorgängeralben, wie das gleichnamige Debüt von Wovenhand, „Consider the Birds“ aus dem Jahr 2004 oder „Mosaic“ (2006), gleicht „Refractory Obdurate“ einer musikalischen Zäsur, die bereits mit „The Laughing Stalk“ (2012) noch ein wenig zurückhaltend eingeläutet wurde. Eines dürfte aber feststehen: All jene, die mit „Refractory Obdurate“ den Erstkontakt mit Wovenhand haben, könnten von dem auf CD und Vinyl (Glitterhouse Records in Kooperation mit Deathwish Inc.) erscheinenden Albums nicht nur begeistert sein, sondern es als echtes Meisterwerk ansehen. (Alex Melomane)

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