TARANTELLA: Esqueletos

Im Jahr 2005 erschien ein unscheinbares Debüt einer Formation namens Tarantella. Eines gleich vorweg: Hier handelt es sich um keine musikalische Hommage an den süditalienischen Volkstanz, bei dem anno dazumal Musiker den Spinnengebissenen zum Tanz bis zur Erschöpfung animierten, um das Tarantel-Gift aus dem malträtierten Körper zu bekommen. Jedoch drängt sich doch ein wenig der Vergleich auf, denn die zwölf Songs enthalten allesamt eine dräuende Sound-Mixtur, die mit Elementen aus Bolero, Tango, allgemeiner südamerikanischer Folklore, Italo-Western und Tex-Mex angereichert ist. Und beim Hören wird unweigerlich das Kopfkino gestartet und man spürt förmlich das Flair bzw. die Aura, welches dieses ungewöhnliche Album umgibt.

tarantella

Tarantella (Robert Ferbrache, Daniel Grandbois, Kal Cahoone, Kelly O’Dea, John Rumley)

DENVER SUPERGROUP
Hinter Tarantella steht eine Zusammensetzung, die man mit dem Superlativ „Denver Super Group“ durchaus versehen darf, denn alle Beteiligten Musiker haben über den US-Bundesstaat Colorado hinaus ihre Fans und Anhängerschaften gefunden. Mitbegründer John Rumley (Keyboard, Banjo, Gitarre) ist beim Slim Cessna’s Auto Club dabei und hinterlässt dort nicht nur musikalisch sein Können. Er ist auch als Gitarrenbauer ein sehr gefragter Mann in der hiesigen Musikszene. Und so tourte er im Jahr 2001 mit den legendären 16 Horsepower durch Europa, um das damals aktuelle Album „Folklore“ live vorzustellen. Daniel Jon Grandbois, auch als Danny Pants in Denver bekannt, zupft ebenfalls beim Slim Cessna’s Auto Club den Kontrabass und ist darüber hinaus bei der sagenhaften Gruppierung Munly And The Lupercalians tätig. Und auch als Schriftsteller konnte er sich mit seinen ungewöhnlichen Geschichten einen Namen machen. So wurde Grandbois schon nach Europa für die eine oder andere Lesung eingeladen. Kelly O’Dea, ehemals Geigerin bei Maraca Five-O und jetzt bei Bad Luck City für die grazilen Töne verantwortlich, ist ebenfalls alles andere als unbekannt in der Metropole von Colorado. Drummer Chad E. Johnson, in der Szene als „Chadzilla“ ein umtriebiger Mann, steuerte für „Esqueletos“ diesen herrlich schleppenden Rhythmus bei. Bei der Spurensuche ist mit Ordy Garrison, der früher beim Slim Cessna’s Auto Club für die Trommelarbeit verantwortlich war und jetzt schon seit einigen Jahren bei Wovenhand sein beeindruckendes Können unter Beweis stellt, ein weiterer Könner seines Fachs mit von der Partie. Und dann ist da noch die Sängerin Kal Cahoone, die es mühelos schafft mit ihrer einzigartigen und fragil wirkenden Stimme samt Akkordeon jene Stimmungen zu schaffen, die einen sofort in den Bann ziehen. Last, but not least, wirkte bei den Aufnahmen noch ein gewisser Robert „Big Bad Bob“ Ferbrache (Gitarre, Keyboard) mit, der nicht zu Unrecht als „Godfather of the Denver Sound“ tituliert wird. Und das vollkommen zurecht, denn er hat unzählige Alben von Bands wie Slim Cessna’s Auto Club, 16 Horsepower, Wovenhand, Jay Munly und eben auch „Esqueletos“ produziert und es dabei immer wieder geschafft, diesen ganz speziellen Sound zu kreieren, der gerne als Gothic-Country schubladiert wird.

ZWEI BONUS-TRACKS
Der schleppende Titeltrack startet bereits nach wenigen Sekunden das Kopfkino und man sieht sich irgendwo in einer staubigen Szene eines Italo-Westerns, bei der man förmlich die beißende Hitze auf der Haut spürt. Und wenn Kal Cahoone in spanischer Sprache zu singen beginnt, dann ist man schon eingefangen in dieser imaginären Welt, die ein Sergio Leone in seinen Filmen so unvergesslich umsetzte. „A Chi Sa Dove Sara“ ist von ähnlichem Kaliber und das nachfolgende “Dark Horse” zeigt, dass Tarantella doch dem Band-Namen gerecht werden können. „Un Ano de Amor“ ist eine herzzerreißende Ballade, in der Kal Cahoone ihre Stimmenvielfalt noch beeindruckender zur Geltung bringt. „Elder Tree“ wird wohl alle Ennio-Morricone-Fans aufhorchen lassen und nach dem das wunderschöne „Mexican Wine“ verklungen ist, kann man es eigentlich nicht wirklich fassen, welch musikalisches Juwel einen bislang so verzaubert hat. Und da drängt sich die Befürchtung auf, dass das unfassbar hohe Niveau bei diesem Debüt mit den weiteren Songs abfallen könnte. Doch weit gefehlt: „Misa Gringa“ verbläst diese Befürchtungen wie ein heißer Wüstenwind die Steppenläufer in der Prärie. Die mit wohl dosierten Gitarrenriffs und -feedbacks abgerundeten Tracks „Southern Cross“ und „San Telmo“ sorgen dann für weitere wohlige Gänsehaut, bevor mit „Dame Fuego“ der vermeintliche Schlussakkord folgt. Doch es zur Überraschung gibt es noch zwei Bonus-Songs, die nicht auf dem Cover aufgelistet sind: Die „Tarantella De La Morte“ sorgt für beschwingte Stimmung bevor dann mit „Walk Towards My Love“ etwas andere Töne angeschlagen werden. Dieses Abschlussstück hebt sich zwar vom Sound der Vorgänger hörbar ab, nichtsdestotrotz wird auch hier mit verzerrten Gitarren und satten Riffs eine Stimmung geschaffen, bei der Sängerin Kal Cahoone wieder ihr Repertoire voll ausspielen kann und dem Ganzen einen herrlich lasziven und anrüchigen Touch verleiht und so „Esqueletos“ die Krone aufsetzt.

 


WEITERE KRITIKEN

„If David Lynch ever films a Western, the soundtrack is right here”, meinte der Online-Musikdienst “SepiaChord” über “Esqueletos”. Und die Kollegen von Westword urteilten treffend: “Tarantella’s exceptional debut ‘Esquéletos’ – an intoxicating blend of ancient European folk ballads and accordion-driven spaghetti-Western cabaret.“

DAS COMEBACK
Und im Jahr 2014 scheint die Geschichte von Tarantella endlich weiterzugehen: Neun Jahre lang war die Pause, bevor man sich wieder zu Proben traf und noch in diesem Jahr (September) wird es im Zuge des „The Americas Latino Eco Festival Opening“ das Live-Comeback in Boulder, Colorado, geben. Hoffentlich ist dieses Comeback von längerer Dauer – es wäre mehr als zu wünschen, denn diese Band ist so einzigartig und herausragend, dass es viel zu schade wäre, wenn Tarantella bald wieder in der Versenkung verschwinden würden.

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